18. Jägermesse im Dom zu St. Stephan * Wien, 18. Oktober 2018, 19.00 Uhr

PREDIGT von Prälat Dr. Christoph Kühn

Liebe Jägerinnen und Jäger!

Sehr geehrter Herr Präsident und sehr geehrte Herren Landesjägermeister!

Liebe Vorstände und Mitglieder im „Grünen Kreuz“!

Verehrte Gottesdienstgemeinschaft, liebe Schwestern und Brüder in Christus!

1. Mit der Jagd ist das so eine Sache [1]. In der Medien-Öffentlichkeit weckt das Thema Emotionen; bei manchen Leuten, die sich selbst als Naturschützer sehen, ruft die Jagd gar Aggressionen hervor. Wir haben das hier (in früheren Jahren) schon erlebt. Doch nur sehr wenige Menschen leben heute von der Jagd, und zusammen machen alle Jägerinnen und Jäger in Österreich und in Deutschland nur einen Bruchteil der Bevölkerung aus. Dennoch muss die Jagd zuweilen für reißerische Schlagzeilen herhalten: „Großwildjagd“, „Trophäenjagd“ und „Jagd­tourismus“ sind dankbare Schlagworte, um Auflagen zu steigern und Einschalt­quoten zu erhöhen. Die Jagd ist schließlich auch eine Tätigkeit, mit der sich die Politik zu beschäftigen hat. In Jagdgesetzen spiegeln sich nicht nur Jagd-Regeln, sondern auch Erfordernisse aus dem Tier- und Artenschutz sowie aus der Land­wirtschaft und der gesellschaftspolitischen Debatte.

2. Es ist zu beobachten, dass die jagdkritische Haltung [2] vieler mit einem schwindenden Wissen um die Natur einhergeht, gerade in der Stadt­bevölkerung. Aber auch echte Naturfreunde können jagdkritische Positionen einnehmen. In manchen Kreisen gibt es zudem eine Art romantischer Natursehnsucht und Naturverklärung, die tendenziell den Gestaltungsauftrag des Menschen für die Schöpfung ignoriert. Andererseits gibt es heute ein neues Interesse an der Jagd. Der Begriff „Jagd“ ist in machen gesellschaftlichen Segmenten wieder positiv besetzt, vielleicht gerade deshalb, weil Jäger als Fachleute für unsere Natur gelten und Naturerfahrungen machen können, wie sie heute nur selten möglich sind.

Die Jagd steht also unter einem gewissen gesellschaftlichen Recht­ferti­gungs­druck. Bei dieser Ausgangslage dürfen wir uns nicht einfach zurücklehnen und die Dinge laufen lassen. Als Christen sind wir überdies nie gleichgültig. Unter den Jägern und unter denen, die der Jagd verbunden sind, bedarf es der Selbst­vergewisserung. Die Jäger, welche Werte vertreten sie? Welche Grund­sätze haben wir? Und was hat die Kirche heute den Jägerinnen und Jägern zu sagen?

3. Meine These lautet: Heute kennt kaum jemand die Natur so gut wie der Jäger. Und kaum jemand ist der Natur – wir Christen sprechen von Gottes Schöpfung! – so verbunden wie der Jäger. Und gleichzeitig gilt: Der Jäger und der christliche Glaube gehören zusammen. Die Jagd nach dem jagdethischen Prinzip der Waidgerechtigkeit hat ihren festen Platz in der christlichen Zivilisation. Ein gläubiger Jäger sagte mir vor Jahren: „Herr Prälat, ich habe zwei Kathedralen: unseren Dom und den Wald. In beiden werde ich so still.“

Staunen vor der Größe der Schöpfung, still werden vor dem Atem dessen, der am Anfang des Lebens, eines jeden Lebens steht, Ehrfurcht haben vor dem Werk der Hände Gottes! Das ist die Haltung des Jägers, der das Geschaffene nicht ohne die Gegen­wart des Schöpfers sieht und erlebt. Der gute Jäger, mit dem ich damals sprach, besuchte gerne beide „Kathedralen“: In der Tiefe des Waldes wurde er ähnlich still wie am geweihten Ort, in der Kirche. Beides war ihm wichtig. Und beides muss uns, liebe Freunde, wichtig sein. Im Evangelium [3] mahnt uns der Herr, stets wachsam zu sein. Als Christen mit wachen und wachsamen Augen bewegen wir uns nicht, laufen wir nicht – um im Bild der Lesung aus dem ersten Korintherbrief [4] zu bleiben – wie einer, der „ziellos läuft“; wir Christen kämpfen den Kampf des Lebens nicht, „wie einer, der nur in die Luft schlägt“. Denn wir wissen, dass wir nicht für vergängliche Dinge unterwegs sind, sondern – wie uns der hl. Apostel Paulus sagt – „um einen unvergänglichen Siegeskranz zu gewinnen“.

4. Liebe Mitchristen, aus der Grundthese, dass heute Jägerinnen und Jäger die Natur besser kennen als viele andere, erwächst auch ihre ganz besondere Verantwortung für die Schöpfung. Nicht aus Büchern oder aus dem Internet, sondern aus eigenem Anblick und Erleben wissen die Jäger um die Gefahren für Flora und Fauna, um die Veränderungen in der Naturlandschaft, um die Zer­störung der natürlichen Lebensumgebung der Tiere und um das Artensterben.

Die Kirche will die Jäger und alle Freunde der Natur in der Wahrnehmung ihrer Schöpfungsverantwortung ermutigen, inspirieren und bestärken. Es gehört zum Verantwortungsbereich der Kirche, „die Beziehung zwischen Mensch und Natur wieder in ein ausgewogenes Verhältnis zu setzen“, sagte einst der hl. Papst Johannes Paul II., und er fügte hinzu [5]: „Wir Menschen sind Teil der Schöpfung. Dabei ist unbestritten, dass dem Menschen in der Welt eine Sonderstellung zukommt. Der Mensch darf Lebewesen und Dinge nutzen, aber er muss sich stets vor Augen führen, dass auch sie Teil der Schöpfung sind und niemals bloße Verfügungs­masse in seiner Hand sein können. Schöpfung schließt das Wirken und Schaffen des Menschen mit ein. Die Kulturtätigkeit gehört zur Schöpfungs­auf­gabe des Menschen, der er sich in Verantwortung gegenüber den Mit­geschöpfen stellen muss.“

5. Viele sprechen heute von der Notwendigkeit, die Schöpfung zu bewahren. „Die Schöpfung bewahren“, das ist zweifellos ein ethischer Imperativ. Wir müssen aber richtig verstehen, was damit gemeint ist. Wir Christen sind nicht aufgerufen, die Natur als Ganzes wie ein museales Objekt zu bewahren. Die Ordnung der Natur ist der Entwicklung unterworfen; sie ist „kein Arsenal von zu erhaltenden statischen Zuständen“ [6]. Gemäß seinem Gestaltungsauftrag hat der Mensch die Natur weitgehend in eine Kulturlandschaft verwandelt. Das ist nicht falsch, sondern sehr gut gut, wenn der Mensch dabei mit großem Respekt vor der Natur, vor dem natürlichen Lebensraum von Pflanzen und Tieren vorgeht. „Schöpfung bewahren“, das heißt: behutsam mit ihr umgehen, sie respektvoll gestalten, Entwicklung zulassen, die Ressourcen nicht verantwortungslos ver­brauchen und der menschlichen Gier Einhalt gebieten. Papst Benedikt XVI. hat einmal gesagt [7]: „Der brutale Verbrauch der Schöpfung setzt dort ein, wo es keinen Gott gibt, wo Materie nur noch Material für uns ist, wo wir selbst die letzten Instanzen sind, wo das Ganze uns einfach gehört und wir es für uns verbrauchen, … wo wir alles haben müssen, was überhaupt zu haben ist.“

6. Liebe Jäger, liebe Mitchristen! Die entscheidenden Hinweise zur Wahr­nehmung der Schöpfungsverantwortung, die wir als Jäger, als naturliebende Menschen, und als Christen haben, gibt uns Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Laudato Sì“. Der Hl. Vater baut auf der Lehrverkündigung seiner Vorgänger Jo­hannes Paul II. und Benedikt XVI. auf und führt diese weiter. Johannes Paul II. hatte 2002 schon von der „ökologischen Berufung“ des Christen gesprochen [8] und eine „ökologische Humanität“ angemahnt, in deren Mittelpunkt die Würde des Menschen steht.

Papst Franziskus nennt die Erde das „gemeinsame Haus“ aller Menschen: „Die dringende Sorge, unser gemeinsames Haus zu schützen, die gesamte Menschheitsfamilie in der Suche nach einer nachhaltigen und ganzheitlichen Entwicklung zu vereinen“ [9]. Es bedürfe der Talente und des Engagements aller, um den durch menschlichen Missbrauch der Schöpfung Gottes angerichteten Schaden wieder gut zu machen. Für uns sind besonders interessant die Aussagen des Papstes über den Verlust der biologischen Vielfalt [10]: „Der Verlust von Wild­nissen und Wäldern bringt zugleich den Verlust von Arten mit sich, die in Zukunft äußerst wichtige Ressourcen darstellen könnten, nicht nur für die Ernährung, sondern auch für die Heilung von Krankheiten… Jedes Jahr ver­schwinden Tausende Pflanzen- und Tierarten… verloren für immer. Die weitaus größte Mehrheit stirbt aus Gründen aus, die mit irgendeinem menschlichen Tun zusam­menhängen“.

7. Franziskus stellt das ökologische Anliegen in einen größeren Zusammen­hang. Die Sorge um das Ökosystem der Erde ist kein Selbstzweck [11]. Letztlich geht es um die Schöpfung, deren Mitte der Mensch ist. Naturschutz und Menschen­schutz bilden daher für die christliche Ethik eine Einheit. Der Papst erinnert uns [12]: „Da alle Geschöpfe miteinander verbunden sind, muss jedes mit Liebe und Bewunderung gewürdigt werden, und alle sind wir aufeinander angewiesen“.

Liebe Freunde! Die Jäger leisten in ihrem Bereich zu all dem einen wich­tigen Beitrag. Ohne unsere waidgerecht tätigen Jäger wäre die biolo­gische Ba­la­nce in den Fluren und Wäldern des Landes ernsthaft bedroht. In christlicher Mit­verant­wortung für Gottes Schöpfung stehen heute die Jägerinnen und Jäger

  • für einen respektvollen Umgang mit dem Tier, dem lebenden wie dem toten Tier,

  • für den respektvollen Umgang mit der Natur insgesamt, die wir als Gottes Schöpfung ehren,

  • für den respektvollen Umgang mit den Mitmenschen, denn wir alle sind – einer für den anderen – Mitgeschöpfe, die Gott gemeinsam als den Vater aller Menschen preisen.

Amen.

[1] Vgl. Heribert Kalchreuter, Die Sache mit der Jagd. Perspektiven für die Zukunft des Waidwerks, Stuttgart 2003. 

[2] Vgl. Christoph Kühn, Jagd in schwierigen Zeiten: Waidgerechtigkeit als tragendes jagdethisches Prinzip, in: „Jagd in Bayern“ Nr. 2 (Februar 2018), S. 42f.  [3] Mt 24, 42-47.   

[4] 1 Kor 9, 25-26.  [5] Papst Johannes Paul II., Ansprache aus Anlass der Ad-limina-Besuche der deutschen Bischöfe, Dezember 1992.

[6] DOCAT, Die Soziallehre der Kirche, Nr. 257.  [7] Ansprache am 06.08.2008, zitiert nach DOCAT, S. 242. [8] Bei der Weltkonferenz für nachhaltige Entwicklung  in Johannesburg.;  [9] Papst Franziskus, Enzyklika Laudato Si‘, Rom/Vatikan 2015, Nr. 13  [10] Ebd. Nr. 32 – 42.  [11] Vgl. DOCAT, Nr. 264. [12] Enzyklika Laudato Si‘, Nr. 42.

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